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Ausstellung
Fisch und Toaster - Eine simulierte Mythologie - 01.04.2005 - 30.09. 2005

In Zusammenarbeit mit
D E N T I C O - Zentrum für Zahnästhetik + Mundgesundheit

Bill C. Ray
Malerei und Objekte






Erschaffungsmythos

Die Flut ging zurück, und ein riesiger Fisch blieb am Strand. Vorher war er viele Tage todkrank in der warmen, dicken See geschwommen, um sich schließlich den Wellen an der Küste zu überlassen. Es war immer noch etwas Leben im Fischkörper, als andere Tiere kamen, um davon zu fressen. Ebbe und Flut kamen und gingen. Am sechsten Tag ließ ein Geräusch aus dem Inneren des Fisches hunderte von Vögeln wie eine große Wolke himmelwärts steigen. Das stinkende Fleisch spannte sich an, und für einen Augenblick schien der Fisch wieder zu leben. Dann riß der Bauch des Fisches mit einem großen Platsch auf, und eine riesige Kiste fiel auf den Strand.

Nach einer weiteren Woche war von dem Fisch nichts mehr übrig. Die Kiste aber lag für Jahre am Strand. Keine Flut trug sie fort. Kein Sturm zerstörte sie; kein Tier brach durch die glatte, flache Oberfläche.

In der Kiste war eine perfekte Maschine. Eine endlos lange Zeit blieb die Maschine kühl und ruhig in der Dunkelheit der Kiste. Dann, eines Nachts, setzte sie sich in Gang. Innerhalb von Sekunden arbeitete sie mit voller Kraft. Die Erde erbebte kilometerweit in jeder Richtung und die Nachtluft war erfüllt von dem Dröhnen. Kein lebendiges Wesen konnte weiter schlafen.

Wenn man in die Kiste hätte sehen können, wäre alles wie ein Chaos erschienen. Die Mechanismen der Maschine krachten und knallten aufeinander. Explosionen schleuderten enorme Gewichte von einer Seite der Kiste zur anderen. Feuer und Funken wurden von riesigen Rädern zu großen spiralenen Bogen gewirbelt. Wolken von Gas und Rauch kochten von irgendwoher tief aus dem innern der Maschine auf.

Schließlich veränderten sich die komplizierten Komponenten der Maschine.
Balancen verschoben sich, Funktionen veränderten sich, und die Maschine fing an Dinge zu produzieren. Zuerst machte sie eine weitere heiße, schäumende See, die voll von Fischen und anderen Meerwesen war. Sand und Felsen folgten, um noch einen Strand zu bilden. Danach die Tiere. Tausende, Millionen ergossen sich in die Kiste und liefen weiter und suchten Schutz vor der wütenden Maschine und voreinander.

Die Kiste wuchs und erweiterte sich, um die unaufhörliche Menge von Produkten aufnehmen zu können. Als die Kiste anschwoll und sich bis zu einer unvorstellbaren Größe spannte, breitete sich die See innen bis außerhalb der Sichtweite weiter aus. Der Strand verlängerte sich zu einer endlosen Linie und versteckte sich in der Ferne.

Die Ansammlungen von zahllosen Objekten breiteten sich aus, bis alle Produkte der Maschine einen angenehmen und passenden Platz in der Kiste fanden. Auch die Maschine selber wuchs an. Die Größe von jedem Bestandteil wurde zu groß, um es zu umfassen. Jede Bewegung ihres Mechanismus brauchte ewig, um sich zu ereignen. Der frühere Donner der Vorgänger war zu einem fernen Geflüster geworden. Von oben im Inneren der Kiste Schienen der endlose Strand und die Landschaft daneben wie ein winziger Fleck von spiegelndem Licht. Ruhe durchdrang die neue Größe und Kleinheit von allem in der Kiste.

Unten am Strand am Rand der See spielten ungestört sanfte Rhythmen und Harmonien. In der Nähe vom Strand durchschnitt die Flosse eines riesigen Fisches die Wasseroberfläche. Es gab Formen des Steigens und Fallens, Drehen, Zyklen von Licht und Dunkelheit, Wärme und Kühle, Leben und Sterben, pausenlose Bewegungen, unendliche Veränderung.


Der Funke

Bevor es Luft gab, atmeten alle Tiere Strom. Er war die Flüssigkeit, die jede Lücke füllte und sich in jedes Loch ergoß. Er war blau und kam wie alles andere von einem riesigen Fisch, der in der See schwamm.

Der Fisch war mit einer elektrischen Ladung geboren, die durch seinen Kreislauf schoß und von den Spitzen seinen Flossen sprühte. Mit jeder Bewegung gab der Fisch eine regelmäßige Strömung von Elektrizität an die See ab, die sie langsam füllte. Nach und nach wurde die See so heiß, daß aufgeladene Teilchen hoch zum oberen Raum trieben; eine Kettenreaktion von Hitze und Licht explodierte im Raum und breitete sich zu den weitesten Grenzen in jede Richtung aus.

Der Fisch schwamm weiter in der elektrifizierten See, bis seine Ladung ausgegangen war und er starb. Sein letztes Rieseln von Elektronen wurde zum Funken, der die große und perfekte Maschine zündete.


Vor dem Fisch

Vor der Zeit des riesigen Fisches, bevor er die Kiste mit der Maschine am Strand ließ, vor allem gab es eine Bärin.

Nach mehreren Monaten von Schlaf und Halbschlaf bewegte sich die Bärin, und sie öffnete ihre Augen. Angeregt durch einen Geruch von draußen kletterte sie heraus aus ihrem Loch, das unter der Wurzel einer toten Fichte lag. Mit immer noch nicht klarer Sicht stand die Bärin unsicher in der kühlen Luft.

Gelbes Licht stieg langsam vom nächsten Hügel auf und drang durch die Reihe von Bäumen ein. Sie schaute in diese Richtung, und das Licht brachte sie dazu, zu niesen. Es war eine riesige, nasse Explosion, die aus der Lunge der Bärin ausbrach. Für einen Augenblick waren alle Tröpfchen, winzigen Stückchen und Speichelfäden im Raum sichtbar. Gemeinsam wurden sie zu einer wachsenden, strudelnden, dampfenden Wolke. Dann war alles verschwunden.

Während dieses Augenblicks kam und ging die ganze Existenz, wirklich oder vorgestellt.


Das erste Boot

Die Bärin lag auf ihrem Rücken und atmete schwer. Sie verdaute. Noch nass und erschöpft von der morgendlichen Fischjagd lag sie jetzt völlig ausgestreckt auf einem Flecken Sand neben dem langsam fließenden Strom. Dampf stieg vom zerzausten Hügel ihres Bauches nach oben. Gerade als das Flattern der hinabfallenden gelben Blätter sie beinahe eingeschläfert hatte, blieb ihr Auge auf etwas ruhen. Ein roter, fleckiger Käfer klammerte sich an ein Blatt, das gerade auf dem Wasser gelandet war.

Für einen Augenblick hielt die Bärin den Atem an und ließ ihr Auge dem winzigen roten Fleck flussabwärts folgen, der sicher und trocken auf der gekurvten Innenseite des Blattes ruhte. Im nächsten Moment sprang sie mit rudernden Beinen und sich drehendem Körper hoch und stürzte im vollen Lauf das Ufer entlang, ohne das Blatt aus ihrer Sicht zu lassen.

Kies und Sand flogen in alle Richtungen, als sie durch das Gebüsch stürmte. Mit großer Mühe schaffte sie es, das Blatt zu überholen. Die Bärin kam schleudernd zu einem Halt, drehte sich blitzschnell auf ihren Hinterbeinen, kroch über eine Reihe von flachen, nassen Felsblöcken in die Mitte des Stroms und versuchte, das heranschwimmende Blatt zu treffen. Die Muskeln in ihrem Hals waren angespannt und so weit als möglich ausgestreckt, als ihre zuckende schwarze Nase weit hinaus auf das Wasser reichte. Ein Stöhnen des Verlangens kam aus ihrer Brust, während eine ihrer massigen Pfoten nach dem näher kommenden Blatt langte.

Der schlecht überlegte Versuch, zum Käfer in sein Blatt zu steigen, bedeutete das Ende des Balance-Aktes der Bärin. Sie kippte sofort mitten in den Strom. Der gewaltige Platsch brachte einen bis dahin geordnet schwimmenden Schwarm von Lachsen dazu, panisch auseinander zu stieben. Nachdem sie eine ganze Weile um sich geschlagen, Wasser ausgespien und laut geschnauft hatte, kam die Bärin endlich zur Ruhe. Dann saß sie senkrecht bis zur Brust im Strom, ein paar gelbe Blätter klebten auf dem tropfenden Fell an ihrem Kopf. Sie sah viele weitere Blätter vorbeischwimmen, doch keines von ihnen trug den kleinen fleckigen Käfer.

Die Bärin war enttäuscht und verwirrt.

An diesem Abend kroch die Bärin in ein Loch, das unter den Wurzeln einer toten Fichte lag. Dort schlief sie ein. Den ganzen Winter über träumte sie von einem gelben Blatt, das so groß wäre, dass auch sie in seiner schützenden Kurve trocken und sicher flussabwärts schwimmen könnte.


Bill C. Ray

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