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Ausstellung
Mythos und Alltag - 25.02.2003 bis 17.05.2003

In Zusammenarbeit mit der Praxis für Kieferorthopädie
Dr. Engeln + Partner GbR

Henri Deparade
Malerei

Austellung
Foto: VARIETAS

Der Maler im Argonautenschiff

In der Mannschaft der "Argo" befanden sich Fürsten, Helden und Abenteurer, auch von einem Sänger namens Orpheus ist die Rede. Von einem mitreisenden Maler wird nicht berichtet. Doch die Vermutung, dass uns, hätte es diesen mythischen Maler gegeben, ein "authentisches" Bild von den Ereignissen überliefert worden wäre, erweist sich als trügerisch. Die von ihm skizzierten Bilder wären ebenso Interpretation gewesen wie die Vielzahl der später entstandenen.

Auch Henri Deparades Bilder mythologischer Motive sind Paraphrasen, keine Nacherzählungen der klassischen Stoffe. Die Inhalte, auf die eine seiner Papierarbeiten mit dem Titel "Syrinx" anspielt, besitzen eine paradigmatische Bedeutung für dieses Vorgehen: Als der arkadische Gott Pan, von Liebe zur Nymphe Syrinx entbrannt, diese bis zum Ufer des Flusses Ladon verfolgte, wurde sie durch die Hilfe der Götter in ein Schilfrohr, das Pan nun umarmte. Der Wind, der in das Rohr blies, brachte klagende Töne hervor, und Pan versuchte, diese Töne auf einer Rohrflöte wieder zu erwecken.
Pans Umarmung der in ein Schilfrohr verwandelten Syrinx, scheint metaphorisch ein grundsätzliches Dilemma heutiger Malerei zu beschreiben. Die überquellende Kreativität der klassischen Moderne, verbunden mit der Lust, experimentierend unerforschtes Gebiet zu betreten, ist am Ende der 20. Jahrhunderts weitgehend von einer Reflexionskultur abgelöst worden. Die ursprünglichen Gesten der Sehnsucht, des Verlangens und der sinnlichen Erfüllung in der Kunst sind einer vermittelten Aneignung von simulierten "Wirklichkeiten" und "Sehweisen" gewichen, die ohne eine theoretische Fundierung nicht auszukommen scheint. Parallel zu dieser Entwicklung versuchen Künstler wie Henri Deparade die alten Instrumente mit neuen Tonfolgen wiederzubeleben.

Henri Deparade, der in den 70er Jahren an der "Hochschule für Kunst und Design" in Halle/Saale, der traditionsmächtigen "Burg Giebichenstein", Malerei und Grafik studierte und seit 1992 in Dresden "allgemeine künstlerische Grundlagen" lehrt, hat sich seiner Instrumente schon früh versichert und sie in den folgenden Jahren rastlos weiterentwickelt. Seine "sinnliche Organisation von Sinn", wie sie der Maler einmal genannt hat, konzentriert sich auf die Farbkultur und die klassische Muster variierende und zuweilen konterkarierende Komposition. Sein hochgradig differenziertes Kolorit, dessen Spektrum von gedeckten Gelb- und dunklen Blautönen bis zu leuchtend roten Farbklängen reicht, schafft Spannung und Dynamik auf den Bildgründen. Sowohl auf der Leinwand als auch auf dem Papier sind ihm Formulierungen von grosser sinnlicher Dichte gelungen. Der heftige Pinselduktus, der mitunter tachistische Farbauftrag, der Verwischungen, Streuungen und spritzende Spuren nicht scheut, bleibt dabei nie Selbstzweck, sondern steht im Dienst einer Kunst, die den Blick des Betrachters auf die menschliche Figur richtet, auf Menschengruppen und die Beziehungen der Figuren zueinander. Was aber wäre besser geeignet, solche vom Phänotypischen weitgehend freie Beziehungen sicht- bar zu machen, als der Bezug auf die archetypische Struktur der alten Mythen. Denn sie spiegeln "in ihrem grossen und kleinen Umfange die Verhältnisse der Dinge, das Leben und die Schicksale der Menschen ab", wie es in der "Götterlehre" des Karl Philipp Moritz heisst. Die bildnerische Überzeugungskraft, die Henri Deparades Bilder besitzen, beziehen sie jedoch nicht aus dem Mythos, sondern aus ihrer malerischen Qualität.

"Bildverlust" lautet die "Inschrift" auf einem seiner Beziehungs-Bilder (Beziehung IV, 2002) und erinnert an den Verlust des Bildes des einstmals geliebten anderen. Der zyklische Wechsel von Bildersuche, Bildgewinn und Bildverlust, ohne den die klassischen Mythen weder lebendig noch überhaupt erhalten geblieben wären, mündet ein in die heutige Frage nach dem Wesen eines Bildes. Einem Wesen, das nicht mehr nur Gegenstand von Debatten unter Kunsttheoretikern und Kunsthistorikern ist, sondern von vielen, zeitgenössische Kunst wahrnehmenden Betrachtern diskutiert wird. Die gegenwärtige Hinwendung zum Bild, die in der Rede vom "iconic turn" einen treffenden Begriff gefunden hat, resultiert nicht allein aus jüngsten Entwicklungen in der Philosophie oder der ästhetischen Theorie. Einen unvermittelt sichtbaren Grund besitzt sie in der Omnipräsenz elektronisch verbreiteter und in steigendem Maße auch generierter Bilder. "Bilder haben Konjunktur" konstatierte Gottfried Boehm 1994, "seit den Achzigerjahren sind sie zu einem kulturellen 'Paradigma' aufgerückt". Die postmoderne Bilderflut, die weniger aus den Künstlerateliers als aus den hochgerüsteten Studios kommerzieller Bildproduzenten gespeist wird und sich durch die Kanäle der neuen und nicht mehr ganz so neuen Medien ergiesst, okkupiert und disponiert unsere Wahrnehmung in einem zuvor nicht gekannten Maße. "Bild" heisst dabei häufig wenig mehr als das in der Kunst schon überwunden geglaubte "Abbild", ein Replikat der Wirklichkeit mit der Tendenz, diese zu ersetzen.

In dieser Situation liegt die Aktualität der Frage nach dem Bild auf der Hand. Dass sich das bloße Abbild, das sich darin erschöpft, dass es dem gleicht, was es abbildet, vom "Bild" grundsätzlich unterscheidet, hatte schon Hans-Georg Gadamer festgestellt. Auch und gerade für gegenständliche "Bilder" gilt, dass sie etwas zur Erscheinung bringen, was sonst nicht zu sehen ist, dass sie der Welt etwas anderes, nicht einfach sichtbar zu Machendes hinzufügen. Viel schwieriger ist es herauszufinden, weshalb sie dies können. Es macht ihren Rang aus, dass sie dabei von keiner Deutung - die bestenfalls ein parallel existierendes sprachliches Äquivalent sein kann - restlos auszuschöpfen sind.

Seit dem Beginn der Moderne und der Auflösung eines tradierten bildnerischen Kanons haben bewusst gestaltende Künstler ihre je eigenen und in seltenen Fällen unverwechselbaren Antworten auf die Frage nach dem Bild gegeben. In unserer, von elektronischen Medien dominierten Welt bleibt es eine Möglichkeit der Malerei, die spezifische Differenz zu betonen und auszureizen, durch die sie sich grundsätzlich von konkurrierenden Verfahren unterscheidet, die mehr und mehr an ihre Seite getreten sind.

Henri Deparade hat eben diese Differenz genutzt und Gestalt werden lassen, indem er sich der unvermindert reichen Möglichkeiten der Farbe und einer kontrollierten Expressivität der Linie bedient hat. So gewinnen seine Bilder durch jene Mittel an Präsenz und "Wirklichkeit", die nur der Malerei eigen sind. Mit seinen mythologischen Bildern der letzten Jahre hat er mehr geschaffen als bildnerische Belege für einen hohen Grad an Reflexionsstruktur.

Andreas Kühne Professor für Kunstgeschichte und Theorie an der staatlichen Akademie der Bildende Künste München,
Kritiker der Süddeutschen Zeitung
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